Lösungsorientierte Pädagogik
Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz nach Steve de Shazer, Insoo Kim Berg u.a. ist in unseren Konzeptionen und Strukturen fest verankert. Dies bedeutet für uns ganz konkret:
Menschen sind die Experten für ihre eigenen Belange und gestalten die Hilfe maßgeblich mit. Sie erteilen die Aufträge und werden von uns dabei unterstützt, ihre Ziele zu erreichen.
Wir stellen das Gelingende und die Stärken von Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit und bauen auf Erfolge auf. Wir fördern und unterstützen erwünschtes und nützliches Verhalten und schaffen dadurch schnell Erfolgserlebnisse und Motivation für weitere Veränderungen.
Wir konzentrieren uns auf die Zukunft, auf das zu erreichende Ziel. Die Vergangenheit betrachten wir, um Stärken und Ansätze von Lösungsmöglichkeiten herauszufinden.
Konflikte sehen wir als Chance zur Klärung und zur Veränderung. Wir helfen dabei, Handlungsalternativen zu finden
Die Instrumente des lösungsorientierten Ansatzes werden in unserer Einrichtungen durchgängig eingesetzt.
Eine neue Idee – Kennenlernen des lösungsorientierten Ansatzes
Seit 1996 arbeiten wir im St. Rafael nach dem lösungsorientierten Ansatz. Stefan Mechenbier (Einrichtungsleiter) und Peter Litzinger (Schulleiter) hatten Kaspar Bäeschlin bei einem gemeinsamen Tagungsbesuch kennen gelernt. Kaspar Bäeschlin hatte dort über das pädagogische Konzept des Grundhofes (Jugendhilfeeinrichtung Winterthur, Schweiz) referiert, den er gemeinsam mit seiner Frau Marianne aufgebaut hatte. Dieser Vortrag hatte die beiden damaligen Leiter des St. Rafael derartig begeistert, dass sie unserem pädagogischen Leitungsteam vorschlugen, diesen Ansatz näher kennen zu lernen und als pädagogische Grundlage für das St. Rafael zu übernehmen. Es folgten erste Fortbildungstage mit Frau Neumann-Wirsig und Marianne und Kaspar Bäeschlin. Dem lösungsorientierten Modell entsprechend wurden direkt möglichst viele pädagogische MitarbeiterInnen mit einbezogen. Der Ansatz wurde von den ErzieherInnen unmittelbar als hilfreich für die Arbeit erlebt.
Schließlich erfolgte ein erster Besuch unseres pädagogischen Leitungsteams auf dem Grundhof zu einem Seminar mit Insoo Kim Berg. Damit war die Entscheidung gefallen – im St. Rafael wurde ab diesem Zeitpunkt nach dem lösungsorientierten Modell gearbeitet.
Das lösungsorientierte Modell wurde von Steve de Shazer und seiner Frau Insoo Kim Berg im Rahmen des von ihnen gegründeten Brief Family Therapy Center als ein kurzzeit-therapeutischer Arbeitsansatz entwickelt.
„Menschen haben Ressourcen, um die Lebensanforderungen gut zu bewältigen“
Grundlage ist die Erkenntnis, dass Menschen immer darum bemüht sind, durch ihr Handeln zu tragfähigen und förderlichen Lösungen für ihre Lebensanforderungen zu kommen. Ihre Lösungsversuche können aber manchmal negative Auswirkungen haben. Damit gute Lösungen gelingen können, ist es notwendig, dass wir auf unsere Ressourcen zurückgreifen können und uns unserer Ziele möglichst bewusst sind. Beides lenkt unsere Aufmerksamkeit in die richtige Richtung. Durch die Auswertung vieler Videoaufzeichnungen gelungener therapeutischer Prozesse stellten Steve und Insoo darüber hinaus fest, dass Menschen in schwierigen Situationen am besten vorankommen können, wenn sie sich am Gelingen orientieren. Auf diese Weise gelingt es uns auch am besten, unsere Motivation für die Veränderungsarbeit zu erhalten.
Klienten als Experten
Für die Lösung von Problemen haben die Ausnahmen, in denen sie nicht oder weniger da sind, eine besondere Bedeutung. Sie zeigen uns, unter welchen Bedingungen die Probleme nicht auftreten. Aufgabe der Therapeuten im lösungsorientierten Modell besteht darin, die Klienten durch gezielte Fragen bei ihrer Suche nach Zielen, Ausnahmen und Lösungen zu unterstützen. Die Klienten selbst sind die Experten, die für ihre Entwicklung die Richtung angeben. Daraus erfolgt notwendigerweise eine große Wertschätzung, denn hier sind es die Klienten, die ihre Persönlichkeit entwickeln. Von den Therapeuten werden sie dabei lediglich unterstützt.
Übertragung des Therapieansatzes in pädagogische Handlungsfelder
Die Pädagogik und Erziehung als Konzepte, die von einem stark asymmetrischen Verhältnis zwischen Erziehungsperson und Kind ausgehen, erschienen zunächst selbst den Begründern des lösungsorientierten Ansatzes als wenig geeignete Felder für ihre Arbeitsweise. (Steve de Shazer glaubte, laut einer Mitteilung von Kaspar Bäeschlin, zunächst nicht dran, dass seine therapeutische Arbeitsweise auf den Erziehungsprozess übertragbar sei.)
Marianne und Kaspar Bäeschlin gebührt hier der Verdienst, als erste gezeigt zu haben, dass es möglich und äußerst förderlich ist, Kindern und Jugendlichen einerseits eine klare Orientierung durch einen nachvollziehbaren Regelrahmen zu geben und sie gleichzeitig als Experten für ihre eigene Entwicklung anzuerkennen.
Für das St. Rafael haben wir diese Arbeitsweise und Zielsetzung vom Grundhof übernommen. Wir unterstützen Kinder und Jugendliche und ihre Familien bei der Lösung ihrer Probleme und in ihrer Entwicklung. Dabei sind wir bestrebt, unsere Kompetenzen als Unterstützer stetig weiter zu entwickeln. Dies geschieht, in dem wir unsere Arbeit regelmäßig daraufhin überprüfen, was für unsere Klienten nützlich gewesen ist. Dazu stehen wir im ständigen Austausch mit unseren Klienten und unseren Auftraggebern. Außerdem reflektieren wir unsere Arbeit miteinander in unseren pädagogischen Gruppen, unserer Schule und allen anderen pädagogischen Arbeitsfeldern und mit den Menschen der uns umgebenden Organisationen und Gruppierungen. Jahrelang hatten wir die Gelegenheit, uns direkt von Steve und Insoo, die beide mittlerweile verstorben sind, beraten zu lassen. Zum Grundhof, der inzwischen von Matthias Wehrli geleitet wird, besteht immernoch regelmäßiger Arbeitskontakt – so sind wir in jedem Jahr mit Workshops an den Drehtagen (lösungsorientierte Tagung in Winterthur) beteiligt. Mehrere unserer MitarbeiterInnen sind im Zentrum (ZLB Winterthur/Schweiz) für lösungsorientierte Beratung zu LoA-Trainern ausgebildet worden. Wir beraten inzwischen andere Einrichtungen und Schulen bei der Einführung und Umsetzung des Ansatzes.
Grundhaltung gegenseitiger Wertschätzung
Der lösungsorientierte Handlungsansatz brachte viele Veränderungen in unsere alltäglichen Abläufe. Diese werden ständig überprüft und weiterentwickelt. Am wirksamsten erleben wir jedoch die ‚lösungsorientierte Haltung’ mit der wir in allen Leistungsbereichen arbeiten. Dabei ist die Grundhaltung einer gegenseitigen Wertschätzung besonders wichtig.
Partizipation
Mit dieser Arbeitsweise haben sich auch unsere Sichtweisen und unser Umgang untereinander verändert. Wir haben unsere pädagogische Entscheidungsstruktur in Richtung auf mehr Partizipation verändert, schauen jetzt stärker auf das, was gut funktioniert und unterstützen uns auch untereinander dabei, mehr davon zu tun.
weitere Arbeitsansätze
Dieser lösungsorientierten Devise entsprechend ist im St. Rafael selbstverständlich auch Raum für andere Arbeitsansätze und Methoden. So haben sich KollegInnen im Bereich der Basalen Stimulation nach Prof. Fröhlich zu Praxisbegleitern ausbilden lassen und unterstützen uns jetzt im Rahmen von Workshops, auf direkte Nachfrage und durch ihre Beiträge in diversen Besprechungen mit ihrem Know-how. Das gleiche gilt für MarteMeo. Hier befinden sich derzeit ebenfalls zwei KollegInnen in der Ausbildung zu MarteMeo-Therapeuten.
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